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Der Teil des Buches, den ich wesentlich finde, ist der, welcher eine Anthropologie der Stimme anregt, d.h. die Vision der Geschichte der menschlichen Stimme, die zwei Originalcharakteristika aufweist: - die erste ist, daß diese Geschichte der Stimme (d.h. die Geschichte auf welche Art und Weise die Stimme die dynamische Entwicklung des Menschen ausdrückt und deutet) und ihrer Entwicklung nicht in der Kindheit aufhört, wie das in der spezialisierten Literatur üblich ist, oder auch wie auch in den Publikationen dieser letzten Jahre, im pränatalen Bereich, (Stimme, Ton, Reaktion auf Rhytmen, Bewegung und Harmonie der Tonwellen): ganz im Gegenteil, diese Geschichte der Stimme versucht den Zusammenhang zwischen dem Menschen und seiner Stimme aufzuzeigen. Während eines ganzen Menschenlebens, eben auch im Erwachsenenalter, begleitet die Stimme alle Erfahrungen von Orten, der Arbeit, von Affekten, Beziehungen, Krankheit und wird dadurch sozusagen tief geprägt. Gleichzeitig ermöglicht die Stimme Anhaltspunkte für diese Erfahrungen in den Vordergrund zu stellen, und durch sie werden Schwierigkeiten, Verdrängungen wieder ins Bewußtsein gerufen. Diese Originalität findet sich sonst nirgendwo in der gängigen Literatur; das Interesse daran liegt nicht darin, daß es eine bloße theoretische Hypothese wäre, sondern daß es eine lebenslange Erfahrung ist, die eine Beobachtungs- und Konzeptfähigkeit wiedergibt, die eines echten Forschers würdig sind. - die zweite Originalitätscharakteristik ist in der ersten einbegriffen: die Beziehung zwischen der menschliche Stimme und der Globalität der menschlichen Erfahrung wird durch die Kulturgeschichte analysiert, im besonderen durch die Musikgeschichte. Wir kennen die Wichtigkeit der Vokalität in den verschiedenen Geschichtsperioden, in den verschiedenen Gesellschaften, in den verschiedenen Kulturüberlieferungen. Wir kennen die Wichtigkeit der Vokalität in ihrem ästhetischen Ausdruck, in ihrer literarischen Form, in der Art zu lesen, zu sprechen, einen Vortrag zu halten, zuzuhören; wir kennen die Wichtigkeit der Vokalität den Grundton einer Kultur wiederzugeben, die spirituelle Aktualität einer Kultur aufzudecken, die ihre Wurzeln nicht nur in Inhalten, Ideen, Überzeugungen, Glaubensartiken, Religionen, hat, sondern auch in der Art und Weise wie diese gelebt, gefühlt und im spezifischen Tonfall der Stimme ihren Ausdruck finden. Der Tonfall der Stimme hat etwas Einzigartiges, er enthüllt eine Person und wie sie sich fühlt (im Italienischen wird dies durch das gleiche Wort ausgesagt), wie sie ihre eigene Stimme hört, im einfachen und übertragenen Sinn, innerlich und äußerlich. Diese Arbeit liegt nun vor. Weitgehendst erforscht sind die kollektiven Zivilisationsformen der Menschheit. Aber, - es mag noch so erstaunlich erscheinen -, wir sind außergewöhnlich arm an Analysen, Erforschung und Ergebnissen was die Beziehung zwischen Vokalität, Tonfall, Sprachausdruck und persönlicher Entwicklung betrifft. Wir wissen eine Menge über Musik und Spiritualität in der menschlichen Zivilisation, über Musik und Kunst, Musik und Arbeit, Musik und Tanz, Krieg, Geburt, Tod, Gebären, Initiation, Pubertät. Aber wir wissen fast nichts über den Zusammenhang zwischen Intonation und Individuum, seine Spiritualität, seine Lebensart, sein Leiden, Wohlfühlen, Unwohlfühlen, sein Offensein oder Verschlossensein, sein Wohlsein gegenüber seiner eigenen Existenz oder sein Unwohlsein gegenüber der eigenen Geschichte. Dieses Buch beinhaltet dieses fundamentale Interesse, auch jenseits seines Textes : es öffnet auf die Erfahrung, die wir schon vor Augen hatten. Gerade darin liegt das Genie der Erfinder. Diese menschliche Erfahrung war uns bekannt, aber wir haben weiter in der kollektiven Entwicklung der Spiritualität, der Religionen, der Kultur, der Kunst, der Ästhetik, geforscht. Wir hatten und haben noch nicht begonnen uns mit dem Individuum abzugeben. Das ist die Bresche, die dieses Buch schlägt, - jenseits der Forschungsergebnisse von Serge Wilfart. Sie ist das Tor zu weiterführender Forschung. Das Tor ist geöffnet, die Forschung kann beginnen, und sie läßt uns einen außergewöhnlichen Horizont erahnen. Ich möchte noch einen andern Aspekt beleuchten, und zwar den, wie die Menschen die spirituelle Qualität der Musik und die Stimme beurteilen. Ich will mich dafür auf einen Mythos des Ursprungs der Musik berufen, der unserer Kultur wichtig ist. Der Mythos enstammt den Oden des Pindarus und hat mit Athena und dem Tod der Medusa zu tun, die durch Persäus geköpft wurde. Der Mythos erzählt wie die Musik geboren wurde und verbindet gleichzeitig Musik und Vokalität. Athena sieht,wie die Schwestern der enthaupteten Medusa durch schrecklichen, tiefen Schmerz durchbohrt sind. Ein Schmerz ohne Ausblick, weder zum Leben, noch zum Sterben. Stellen Sie sich etwas ähnliches beim Bild „Der Schrei“ von Münch vor, etwas was Sie aufreibt, und doch ein stummer Schrei ist; der typisch stumme Schrei des Schmerzes, der wörtlich ‚wortlos’ ist. Die Geschichte erzählt, daß Athena den Schwestern der Medusa ‚vo’uoi’ zum Singen beigebracht hat (vo’uoi sind Normen, Modelle, Schemata). So konnte mit Hilfe dieser vo’uoi durch den Gesang, die Stimme den Schmerz verarbeiten, ihm Klang und Harmonie geben, ohne die Affekte zu verlieren. Ist man im Leben durch einen schrecklichen Schmerz zerrissen, kann man ihn nicht verdrängen. Wann ist ein Schmerz unerträglich für die Menschen? Wenn er Affekte enthält die uns eigen sind, deren Verlust uns verzweifelt,uns das Leben unerträglich macht. Das ist der wahre, tiefe Schmerz im Menschen, der nicht einfach wegzunehmen oder zu heilen ist. Er muß einen Weg finden mit den Affekten, der uns ermöglicht zu leben, zu überleben, mit ihm weiterzuleben, trotz der Zerissenheit. Die Musik kann das. Im Mythos haben die Normen der Stimme, die Athena den Schwestern der Medusa beigebracht hat, dies ermöglicht. Der Gesang memorisiert den Schmerz, hält die Affekte. Er vergißt den Schmerz nicht und doch findet der Schmerz einen Weg unser Leben zu begleiten, ohne es zu zerstören. Die Musik schützt uns also vor einem unerträglichen Schmerz, ohne ihn zu leugnen, aber findet ihm ein Linderung, dadurch daß sie uns einen Weg gibt, ihm zu überleben, ihn auszusprechen. Es ist der Weg der Stimme, des Gesangs, der Musik. Mir scheint, als ob in diesem Mythos der Zusammenhang zwischen Gottes Barmherzigkeit, der wesentlichen Funktion der Stimme, die Gesang wird, und der Konfrontation des ‚Problems der Probleme’ des Menschen, der Schmerz über den Verlust der Affekte, hier ein tiefes Bindeglied der Ursprünge unserer Zivilisation finden. Dieses Band erstellen, ist uns Notwendigkeit, leider haben wir in Italien keine Musikkultur in diesem Sinne; wir haben auch keine Musikparaxis, die diesen Bedürfnissen entgegenkäme und den Menschen auf seinem Lebensweg begleiten könnte. Serge Wilfarts Weg ist eine Provokation. Jenseits der Qualität seines Experimentierens und seines Forschens lädt er uns ein die konventionnellen Schranken zu überwinden und die Wichtigkeit unserer Beziehung zur Musik in dem Sinne zu interpretieren, - nicht als Leistung, die unsere Fähigkeiten erweitert und die narßiztische Verwirklichung unserer Talente, sondern daß wir Musik als Bewußtsein und Komplizenschaft sehen, wie die, die im Mythos erzählt wird. Denken wir an den großen Philosophen der Musik Yan Kelevic, der sagt „ohne Musik können wir überleben, ... aber nicht sehr gut.“
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