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Seit einigen Jahren betreibe ich Yoga und Aikido. In einem Punkt zögerte ich : außer Wagner und einigen französischen Werken, mag ich die Oper des 19. Jahrhunderts nicht und wollte auch nie daraus singen. Vielleicht als Reaktion darauf, dass das im italienischen Unterricht benutzte Repertoire begrenzt ist, bevorzuge ich Kammer- und Kirchenmusik aller Epochen. Auch bin ich neugierig auf alle Vokaltechniken der zeitgenössischen Musik und auf alles Stimmgebaren außereuropäischer Völker. Ich fürchtete, dass die Wilfart-Methode nur darauf zielte, Sänger im lyrischen Repertoire des 19. Jahrhunderts auszubilden. Wenn die mächtigen Stimmen seiner Schüler, und ihre Art während der Übungen immer ‚forte' zu singen, durch ihr große Qualität dank des harmonischen Reichtums, anfangs bei mir Bewunderung erzeugten, so entwickelte ich auch eine gewisse Abwehr dagegen. Als ich dann am dritten Seminartag, Régine,
wie ich auch Debütantin bei Serge, hörte, "Morgen"
von Richard Strauss singen, waren alle Zweifel verflogen. Wenn man sich dieser Arbeit verschreibt, muss man Mut zum eigenen Infragestellen mitbringen, aber man findet einen soliden Lehrmeister, unterstützt durch eine Gruppe von hoch aufgeschlossenen Personen. Das Außergewöhnliche an dem 4-Tage Seminar ist, dass man überraschende Ergebnisse erzielt. Wie viele Jahre Yoga- und Aikido-Training hätte ich gebraucht, um nur annähernd an die Resultate zu kommen, die in solch kurzer Zeit erzielt wurden ? Meine Stimme ist tiefer, runder und dunkler geworden. Es liegt auf der Hand, dass ein Seminar nicht genügt, um autonom zu sein, und zu Hause erzielt man nicht die gleichen Resultate, auch wenn Fortschritte sichtbar sind. Bei den Übungen, die manchmal in sehr unbequemen Stellungen ausgeführt werden, hat man den Eindruck so richtig ‚aus dem Bauch heraus' zu singen. In der Konzentration werden Bewusstsein und Präsenz gesteigert, die Qualität der Leistung wird verbessert und ein Loslassen wird im Singen vollzogen. Dies konnte ich an mir selbst feststellen und auch an den andern, als ich sie bei der Arbeit beobachtete. Nicht alle Teilnehmer hatten dasselbe Niveau, aber jeder gab sein Bestes, und ungeachtet des Niveauunterschiedes wurden die besten Resultate erzielt, wenn die Person in dem besonderen Zustand war, wo sie genau das machte, was sie machen soll : sie lässt sich einfach nur singen.
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