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Meine Ausbildung und mein Interesse im Bereich der Motorik haben mich dazu geführt, mich während 30 Jahren für alle Methodologien zu interessieren, die mir ein besseres Verständnis der neuromuskulären Mechanismen vermitteln konnten. Dadurch konnte ich auch ein Höchstmaß an Wirksamkeit im Unterricht der Bewegungstätigkeiten erreichen, sowohl im Entwicklungsalter, wie auch im Sportbereich. Meinen Vorzug hatten immer jene Methoden, die den Menschen als psychophysische Gesamtheit erfassen, denn sie stehen der Realität des Unterrichts, mit der ich mich auseinandersetzen musste, am nächsten. Daraus erwuchs mir die Erkenntnis, dass der physische und der Gefühlsbereich eng verbunden sind, und sich auch gegenseitig beeinflussen. Die Atmung und die Muskelfunktion in ihrem Kraftausdruck sind körperliche Zeichen, die das Gleichgewicht, das jeder Mensch in seiner zeitlichen Entwicklung erreicht, klar zu Tage legen. Ich habe alle möglichen Aspekte davon erforscht, indem ich die Zusammenhänge der verschiedenen Methodologien zu finden suchte, denn jede beleuchtet das Phänomen aus ihrer eigenen Sicht. Vererbung, prä- und postnatale Traumata, Pathologien, Lern-, Arbeits- und Freizeitgewohnheiten formen und verformen uns. Sie ermöglichen uns Sach- und Fachkenntnisse zu erwerben, halten uns aber auch davon ab andere zu erwerben, zu denen wir uns nicht hingezogen fühlen. Das gezielte schulische Lernen tendiert dahin, natürlich vorhandene Veranlagungen zu verfeinern, anstatt die im Menschen verborgenen Fähigkeiten zu fördern. Es neigt zu formalen Aspekten, statt zum Wesentlichen vorzudringen, und manchmal will es uns sogar davon überzeugen, dass wir nicht im Stande sind, bestimmte Fähigkeiten zu erwerben. Die Lektüre von Serge Wilfarts Erfahrung hat mich sofort verblüfft, denn ich hatte das Gefühl vor etwas zu stehen, das es mir ermöglichen würde, den Kreis all meiner Studien zu schließen. Die persönliche Praxis unter der Leitung von Serge Wilfart hat mich in meinem Vorgefühl bestärkt. Und besser noch, sie hat mir die praktische Kenntnis der fehlenden Elemente und das Verständnis des Sinns von fundamentalen Gesten und psychophysischen Mechanismen gegeben. Das Verhältnis von Atem und Stimme halte ich heute für das fehlende, oder nur teilweise vorhandene Herzstück aller anderen Methoden, die ich erforscht und praktiziert habe. Die Methodologie von Serge Wilfart zielt wirksam auf das Wesentliche, im Respekt der persönlichen Rhythmen. Das Erlebte hilft dabei körperlich und gefühlsmäßig die fundamentalen Verhaltenselemente zu verstehen und sie durch die Qualität der Stimmgebung zu überprüfen. Sie zeigt den Weg der Selbständigkeit und des sicheren Urteilvermögens. Erziehung, Rehabilitation vielfacher Pathologien, sämtliche Ausdrucksformen, Sport und Bioenergie können wesentlichen Nutzen aus dem richtigen Gebrauch von Atem und Stimme ziehen. Es gibt viele Methoden und Fachrichtungen, die sich mit dem Körper und seinen Funktionen befassen. Diese sind reich an Ideen, Vorschlägen und Übungen wie man diesen oder jenen Teilaspekt verbessern kann. Zahlreiche gehen davon aus, dass die Atmung spontan geschieht, und kümmern sich also nicht darum, wie dieser Automatismus abläuft. Andere begnügen sich damit generelle Anleitungen zu geben, von denen angenommen wird, dass sie für jedermann gelten, unabhängig von der augenblicklichen Situation und der eventuellen persönlichen Probleme. Andere begnügen sich damit, nur den Atemvorgang zu beachten, und erhoffen sich davon dessen Wirksamkeit zu verbessern. Wieder andere versuchen durch Aerobic den Bedarf an Sauerstoff zu erhöhen, und hoffen, dass das Atemsystem und der Kreislauf darauf die richtige Antwort finden. Es gibt außerdem fortgeschrittenere Methoden für ein globales menschliches Wohlsein, die dem Atemvorgang seine fundamentale Bedeutung zugestehen, und die deswegen Zeit und Mühe aufbringen ihn zu verbessern. Diese haben verstanden, dass viele Fehler von einem übertriebenen Gebrauch der Kraft kommen, sogar im Atemvorgang. Sie empfehlen deshalb Übungen, die das Atmen von diesem psychophysischen Zwang befreien, damit es sich spontan harmonisiert und so jedem gegebenen Augenblick angepasst ist. Fast alle Methoden legen ein stärkeres Gewicht auf das Einatmen als auf das Ausatmen. Fast keine beachtet die gesamte Körperhaltung während der Atemphasen. Derjenige, der Serge Wilfarts Atem-Stimme Arbeit praktiziert, wird durch spezifische Übungen angehalten seinen Atem zu überprüfen, seine tiefe Einatmung einzusetzen, um seine alten Atemgewohnheiten zu durchbrechen und sich neue zuzulegen. Nur so wird die Körperhaltung korrigiert und die Vertikalität des Körpers wiederhergestellt. Eine forcierte Stimmgebung, auf der Suche nach dem Grundklang, zwingt den Schüler zu einer totalen Aktivierung seines psychophysischen "Ich", zuerst grob und mit Muskelkraft, dann, mit fortschreitender Arbeit und einer besseren Körperwahrnehmung, immer wirksamer und sparsamer. Die Wirksamkeit wird ständig durch die Klangqualität geprüft, und ermöglicht dem Lehrer, und dann auch dem Schüler, die geeignetsten Haltungen für ein bestmögliches Resultat auszusuchen. Die Methode führt also zur Autonomie hin. Aus all diesen Gründen stelle ich die Wilfart-Methode in den Mittelpunkt; man könnte sagen, dass sie die Basis ist. Die Wirkung dieser Arbeit ist tiefgreifend, natürlich auf die psychologischen und emotionalen Ursachen, die die in unserem Leben erworbenen Atemschemata beeinflussen. Ich kenne keine umfassendere Methode. Zum Schluss möchte ich hervorheben, dass die menschliche Biochemie mit Hilfe von Sauerstoff funktioniert. Also ist die erhöhte Zufuhr von Sauerstoff in den Geweben sicherlich wohltuend und steigert die Lebensqualität nachhaltig. Diese Ansicht wird von fast allen Forschern geteilt, besonders von einer Studie der Universität von Buffalo (USA), die beweist, dass ein gutes Atmen in direkter Verbindung zur Lebenserwartung steht. Milano, den 15. Juni 2001 Lucio Ongaro, Professor für Motorik
an der Universität Mailand |
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